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 Ostdeutsche im Bergischen / Ende der DDR

Nicht erst seit der Öffnung der Berliner Mauer und dem folgenden Auflösungsprozess der DDR kamen auch Ostdeutsche ins Bergische Land. Die Arbeitsgruppe hat es sich zur Aufgabe gemacht, Lebens- und Fluchtgeschichten aus den 50er Jahren bis in die 80er Jahre zu erkunden. Was haben Menschen erlebt, die ihre Heimat mehr oder weniger freiwillig verließen, um sich im Westen eine neue Zukunft aufzubauen. Und warum kamen sie dann gerade ins Bergische? Waren es Berufsaussichten, verwandtschaftliche Verhältnisse, pure Zufälle?

Und wer kam nach dem Mauerfall nach Hückeswagen, Radevormwald und Wermelskirchen? Wie haben diese Menschen unsere Gesellschaft beeinflusst und bereichert? Wie haben sich die „Einheimischen“ verhalten?

All das wollen wir mit interessierten Menschen erkunden, wollen Zeitzeugenmaterial sammeln und die Auswirkungen weltpolitischer Veränderungen ganz konkret lokal greifbar machen. Geschichte zum Anfassen eben.

Im Jahre 2009 jährt sich zum zwanzigsten Male der Fall der Berliner Mauer. Dies könnte ein Jahrestag sein, auf den die Arbeitsgruppe mit einem größeren Projekt hinausarbeiten könnte, oder?

Kontakt: Gerrit Lotz, Tel.02192 / 859066

PS: Wer noch Material aus der Zeit der ehemaligen DDR (Dokumente, Kleidung, Fahnen, Briefe nach drüben, etc.) zu Hause auf dem Dachboden liegen hat und sie gerne für die Arbeitsgruppe zur Verfügung stellen möchte, soll sich bitte melden.

Vielen Dank


Fluchtversuch im Waggon

Einen spannungsgeladenen Vortrag zu einem Stück Zeitgeschichte verfolgten rund 30 Zuhörer im Heimatmuseum: Auf Einladung der BZG berichtete Harry Rauer über sein Leben in der DDR und seine Flucht.

Das wiedervereinte Deutschland wird volljährig: Gestern waren es exakt 18 Jahre her, als die Berliner Mauer fiel. Harry Rauer aus Hückeswagen war als gebürtiger Berliner nahe dran am Geschehen; alle wichtigen historischen Ereignisse rund um den Mauer hat der 66-Jährige unmittelbar erlebt. In diesem Spannungsfeld erzählte er am Donnerstagabend seine persönliche Geschichte im Heimatmuseum. Eingeladen hatte der Verein Bergische Zeitgeschichte (BZG), dessen Mitglieder der Arbeitsgruppe "Ostdeutsche im Bergischen" dieses Zeitzeugengespräch initiiert hatte. Rauer wurde 1941 als viertes Kind in Berlin der DDR, geboren. Nach absolvierter Schule und Ausbildung begann eine aben-teuerliche Odyssee zwischen Europa und dem amerikanischen Kontinent.  Nach seiner erfolgreichen Flucht im Mai 1961, als er sich bei einer Reise nach West-Berlin absetzte, nutzte der  junge  und  Abenteuer  suchende  Rauer  seine frisch gewonnene Freiheit für eine Überfahrt nach Kanada und anschließend für eine Rundreise über den ganzen Kontinent. 1963 - Rauer war mittlerweile West-Bürger - setzte ihn ein Volkspolizist bei seinem Besuch seiner Mutter in Sachsen-Anhalt fest: Rauer durfte die DDR nicht mehr verlassen. Und so startete er einen weiteren, diesmal abenteuerlicheren Fluchtversuch: Zusammen mit zwei Weggefährten versuchte Rauer 1964 erneut in den Westen zu gelangen, indem sie sich in einem Güterwaggon versteckten. "Wir brauchten eine Plombenzange und vor allem jemanden, der nach dem Einsteigen den Waggon wieder verschloss", schilderte Rauer die Planungen. An der deutsch-deutschen Grenze war der Fluchtversuch jedoch zu Ende: Grenzstreitkräfte erwarteten die Republikflüchtlinge bereits. "Überall war Hundegebell zu hören. Unser Komplize muss uns verraten haben", vermutete Rauer zuerst. Doch der versicherte später Rauer in einem Gespräch, dass dem nicht so gewesen sei.

Nach der Schilderung seines folgenden 18-monatigen Gefängnisaufenthalts und dem Beginn der "familiären Phase" - 1967 lernte er seine heutige Ehefrau Brigitte kennen - rang Rauer im Heimatmuseum um Fassung. Die Erinnerungen an sein bewegtes (DDR-)Leben hatten ihn offenbar stark mitgenommen. Aus der Ehe gingen zwei Söhne hervor. Im Sommer 1989 wurde schließlich einem Ausreisenantrag aus dem Jahr 1986 stattgegeben. "Wir haben diesen Antrag erst gestellt, als unser ältester Sohn seine Gesellenprüfung hinter sich hatte", sagte Rauer. Mehr als 90 Minuten berichtete der 66-Jährige aus seinem Leben. Der Höhepunkt seines Vortrages war dann eine Gesangseinlage: Als Hobbymusiker hatte er nämlich einmal einen Song über Erich Honecker komponiert und getextet.

Text: Norbert Bangert; Foto: Ralph Vesper                                        2007-11-16


Flucht: Aus der  DDR ins Bergische

"Ich fühle mich im Bergischen zu Hause". Mit diesem Satz brachte der ehemalige DDR-Bürger Heiko Scholz das Ergebnis eines spannenden Teils seiner mit vier Jahrzehnten noch jungen Lebensgeschichte auf den Punkt. Scholz war in der DDR aufgewachsen und entschloss sich 1989 spontan, mit seiner damaligen Freundin und heutigen Frau Margit über Ungarn in den Westen zu flüchten. Mit einem Tarnnetz ausgerüstet hatten die beiden die "Grüne Grenze" - einem Gebiet westlich des Neusiedlersees nahe der ungarischen Stadt Sopron an der Grenze zu Österreich – überwunden.

Nun erzählte er bei einem Podiumsgespräch seine Fluchtgeschichte noch einmal öffentlich. Eingeladen zu der Zeitzeugen-Veranstaltung hatte der Verein Bergische Zeitgeschichte (BZG). Etwa 30 Besucher fanden am Mittwochabend dann den Weg in die Bürgerhäuser an der Eich. Gerrit Lotz, Sprecher der Arbeitsgruppe "Ostdeutsche im Bergischen", war dann auch einigermaßen zufrieden. "Die Resonanz war eher spärlich. Aber da wir in Wermelskirchen mit Veranstaltungen dieser Art nicht so häufig vertreten sind, ist das ein gelungener Wiedereinstieg für uns ", sagte er.

Unmittelbar nach der geglückten Flucht von Scholz bekam er in Österreich so eine Art Begrüßungsgeld. "Ein Amerikaner jugoslawischer Herkunft hat mir dann zusätzlich noch 50 US-Dollar geschenkt. Die habe ich heute noch", berichtete er stolz von den ersten menschlichen Begegnungen in der Freiheit. Nach einer kurzen Zwischenstation im Auffanglager Gießen ging es dann für die Beiden zu einem Onkel nach Bergisch Gladbach, wo sie zunächst die Nächte unter dem Dach zubrachten. Nur wenige Tage später hatte Heiko Scholz bereits eine Stelle als Maurer gefunden.

Auch gelang es ihm, seine universitäre Bildungslaufbahn fortzusetzen. Nachdem er bereits in der DDR einen Studienplatz in Dresden sicher hatte, kam die Flucht. Im Westen machte er dann an der Universität Wuppertal seinen Abschluss als Bauingenieur. Mit diesem Bildungsnachweis war es dann für ihn kein Problem, eine entsprechende Arbeitsstelle bei einem Unternehmen in Düsseldorf zu finden. Und auch Margit Scholz fand einen Arbeitsplatz, sie ist heute bei einer Behörde beschäftigt.  "Die Eingewöhnung im Westen fiel uns nicht sehr schwer, wir waren ja noch jung" sagte er bei einem  Gespräch im Vorfeld. Die Ereignisse haben Heiko und Margit jedenfalls zusammengeschweißt. Äußeres Zeichen dafür sind die beiden Kinder . "Zurück wollten wir nie, warum auch?", bekannte er zum Abschluss öffentlich.

Text: Norbert Bangert; Foto: Ralph Vesper                            2007-11-16